Krisenhopping

Was Klimawandel, Bankenkollaps und Mexiko-Grippe gemeinsam haben

Gábor Paál

In den letzten Jahren hat eine globale Krisen die andere abgelöst. Erst die Welternährungskrise, gefolgt von der Finanzkrise und jetzt stand eine mögliche Seuche im Raum. Und dazwischen, immer wieder, der drohende Klimawandel. All diese Krisen sind realistische Bedrohungen, sind nicht übertrieben, das Problem ist aber, dass sie im öffentlichen Bewusstsein unabhängig nebeneinander stehen, dass wir somit eine Art Krisenhopping betreiben. Statt die Verbindungen zwischen den Krisen zu sehen, die ja alle nicht aus heiterem Himmel kommen, sondern darauf zurückgehen, dass ein paar Dinge in unserem Wirtschaftssystem grundlegend falsch sind. Nicht nachhaltig - um dieses sperrige Wort zu benutzen. Nachhaltigkeit – das Wort wird oft sehr einseitig auf den Klimaschutz bezogen. Doch, wie die Krisen des letzten Jahres zeigen – es geht um weitaus mehr als nur das Klima. Sie belegen, dass unsere Art zu wirtschaften langfristig erstens uneffektiv und zweitens unfair ist. Uneffektiv, weil sie enorme Kosten für die Weltgemeinschaft produziert: Die Finanzkrise geschätzte 3-4 Billionen Euro, der Klimawandel kostet laut Stern-report, wenn nicht gehandelt wird, zwischen 5 und 20% des Bruttoinlandsprodukts. Dann die Infektionskrankheiten: Die jährliche Grippewelle verursacht allein in den USA Kosten von 90 Milliarden Dollar – die Kosten entstehen dabei nicht nur durch die reine Behandlung, sondern auch etwa durch die krankheitsbedingten Arbeitsausfälle. So kann man sich leicht ausmalen, welche Kosten entstünden, wenn sich eines Tages eine gefährlichere Pandemie ausbreitet als jetzt bei der Mexiko-Grippe – vom menschlichen Leid ganz abgesehen.

Brauchen wir eine Geoethik?

Mehr über die Zusammenhänge auf dem aktuellen Hörbuch “Die Erde am Limit” in der Juni-Ausgabe 2009 des Manager-Magazins

Lyrik zum Thema:
Der erregte Erreger

Unfair ist diese Wirtschaftsweise wiederum, weil die Kosten all dieser Krisen sozialisiert werden. Ob Finanzkrise, Klimawandel oder neue Seuchen – immer werden die Kosten weitgehend aus Steuergeldern beglichen und damit der Allgemeinheit aufgebrummt. Das ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit. Selbst die Wirkmechanismen sind zum Teil zumindest ähnliche. Dass etwa die Seuchengefahr in den letzten 20 Jahren wieder zugenommen hat, hat verschiedene Ursachen. Eine davon ist die industrialisierte Tierhaltung in vielen Ländern. Sie schafft ideale Voraussetzungen für die Entstehung neuer Krankheitserreger. Wenn die sich gebildet haben, dann wiederum bieten die Globalisierung, und vor allem der zunehmende Flugverkehr beste Bedingungen für eine rasche Ausbreitung. Die gleichen Faktoren wiederum – der rapide ansteigende Fleischkonsum auf der Welt und das global wachsende Verkehrsaufkommen fördern auch den Klimawandel. Gleichzeitig beschleunigen sie den Flächenverbrauch und gehörten somit zu den Faktoren, die im vergangenen Jahr die Welternährungskrise mit ausgelöst haben. Es geht nicht darum, Fliegen und Fleischessen zu verbieten oder zu verteufeln. Nur: Beides ist für den Verbraucher zu billig. Diese Annehmlichkeiten verursachen global-gesellschaftlich sehr hohe Kosten verursachen – Kosten, die sich weder in den Preisen für das Flugticket noch im Preis für das Steak wiederfinden. Diese Zusammenhänge werden nur selten ausgesprochen: Welcher Politiker würde sich zu Beginn der Grill- und Urlaubssaison hinstellen und realistische Preisaufschläge auf Fleisch und Flüge fordern? Es macht eben viel mehr Spaß funktionierende Frühwarnsysteme vorzuführen als sich mit den tieferen Wurzeln der Probleme zu befassen.

Gekürzt aus SWR 2 Kommentar der Woche 2.5.09

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