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Professor Querdenker kann gut reden Warum es Pseudo-Experten in deutschen Medien so leicht haben
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“Wissenschaftlern jeglicher Couleur möchte ich Folgendes sagen: Ihr könnt Zeitungen nicht davon abhalten, Schwachsinn zu drucken, aber ihr könnt eure eigene Vernunft dem Cocktail beifügen.” - Ben Goldacre
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Von Gábor Paál
Gleich zu: Empfehlung an die Wissenschaft Empfehlung an die Medien
Herr Querdenker hat ein Buch geschrieben mit einer interessanten These, die im Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung steht. Die These klingt provokant, hat einen Neuheitswert. Herr Querdenker kann auch noch überzeugend und allgemeinverständlich reden und hat möglicherweise einen Professorentitel. Kurz, er erfüllt alle Voraussetzungen, um sich Gehör zu verschaffen – nicht in Fachkreisen, wohl aber in den Massenmedien. Er wird in Talkrunden eingeladen und gibt Interviews, zunächst zu seiner These, dann aber – weil er so schön reden kann – zu immer mehr Themen, zu denen er auch immer mehr Bücher schreibt. Und niemand scheint ihm zu widersprechen. Wie kommt das? Die Ursachen sind sowohl in der Wissenschaft zu suchen als auch in unserer Medienkultur.
Deutsche Wissenschaftler haben an sich nichts gegen Debatten, schrieb der norwegische Soziologe Johan Galtung, „nur darf der Gegner nicht allzuweit vom eigenen Standpunkt entfernt sein. An einer solchen Debatte sich zu beteiligen, wäre reine Zeitverschwendung, ein Akt der Herablassung. Man debattiert doch nicht mit Halbmenschen, Primitiven oder Barbaren.“ Diese Feststellung stammt aus dem Jahr 1983. Es ist bemerkenswert, wie wenig sich seitdem trotz Globalisierung der akademischen Kultur geändert hat. Es fällt Redaktionen in der Regel nicht schwer, Politiker mit entgegengesetzten Auffassungen zur Diskussion an einen Tisch zu bringen. Doch wer das gleiche bei Wissenschaftlern versucht, hat es oft nicht leicht. Zwar machen sich Fachwissenschaftler über Herrn Querdenker lustig und regen sich über die Medien auf, die ihm ein Podium bieten – doch selber gehen sie in Deckung. Ein Journalist, der versucht, sie zu einer Diskussion mit Prof. Querdenker zu gewinnen, stößt häufig auf Widerstand: „Sich mit dem auseinander zu setzen wäre zuviel der Ehre.“
Hinzu kommt, dass diese mediale Diskussionskultur bei wissenschaftlichen Themen kaum gepflegt wird. In den Medien gibt es nur wenige Formate, in denen ernsthafte wissenschaftliche Diskussionen stattfinden. Sie finden sich meist in Spartensendungen und Kulturprogrammen wie dem „SWR2 Forum“. In den an der breiten Masse orientierten Medien haben Wissenschaftler dagegen fast immer Soloauftritte. Sie treten in der Rolle des Auskunft gebenden „Experten“ auf. Mal ist es Prof. Querdenker, mal ist es sein Fachkollege aus der Mainstream-Fraktion, aber selten treffen beide aufeinander.
Und so hat Prof. Querdenker in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit keine Gegner. Er gilt als „einer der wichtigsten Experten auf diesem Gebiet“ – denn so wird er von unbeholfenen Moderatoren genannt, denen aus Mangel an näheren Informationen keine bessere Betitelung einfällt. (Wenn ich hier übrigens durchweg, politisch unkorrekt, in der männlichen Form schreibe, dann auch deshalb, weil die Akteure in diesen Situationen tatsächlich in der überwiegenden Zahl der Fälle Männer sind.)
Bis hierher ist noch nichts darüber gesagt, ob Querdenkers These seriös ist oder nicht. Vielleicht hat er ja wirklich recht. Vielleicht ist er auch ein Schaumschläger. Vielleicht ist auch seine Kritik an der Lehrmeinung im Kern berechtigt und ein paar seiner Ideen ganz brauchbar; aber der große Gegenentwurf, den er daraus ableitet, gerät dann doch allzu mächtig und hat ebenfalls Schwachpunkte. Vielleicht entwirft er ein in den Grundzügen richtiges Bild, schlampt aber bei den Details und macht sich dadurch angreifbar. Mir ist im Laufe der Zeit jede dieser Varianten mindestens einmal begegnet, in völlig unterschiedlichen Fachgebieten.
Da waren zum Beispiel die Kontroversen zwischen
- dem Lebensmittelchemiker und Publizisten Udo Pollmer und dem ernährungswissenschaftlichen “Mainstream”.
- dem Mediziner Dietrich Grönemeyer und der Mehrheit der deutschen Krebsforscher über die Wirksamkeit der von Grönemeyer propagierten “Mikrotherapie”.
- dem Archäologen Eberhard Zangger und dem Troja-Grabungsteam unter Manfred Korfmann über das wahre Ausmaß und die politische Rolle des bronzezeitlichen Trojas (später wurden einige der Thesen Zanggers von Korfmann aufgegriffen, der dafür wiederum von den Tübinger Altphilologen angegriffen wurde). Inzwischen hat mit dem Literaturwissenschaftler und Übersetzer Raoul Schrott ein weiterer Troja-Querdenker die Bühne betreten.
- dem Höhlentaucher Jochen Hasenmeyer und den Vertretern des Geologischen Landesamts in Freiburg über die Verkarstung und mögliche unterirdische Heißwasservorkommen in Süddeutschland.
- dem Tübinger Chaosforscher Otto Rößler und den Physikern am CERN über die Gefährlichkeit der Experimente am LHC in Genf.
- Klimaforschern und „Klimaskeptikern“ (dies ist einer der wenigen Fälle, in denen sich der “Mainstream” schon sehr früh der Auseinandersetzung mit den “Abweichlern” gestellt hat)
- aktuell zwischen dem Freiburger Medizin-Professor Joachim Bauer und der Mehrzahl der deutschen Evolutionsbiologen über dessen Thesen von „kooperativen Genen“ und dem „Abschied vom Darwinismus“.
Was ich dabei auch gelernt habe: Die „Querdenker“ mit Professorentitel hatten größere Narrenfreiheit (und haben diese auch genutzt) als mancher nicht-habilitierte Seiteneinsteiger oder gar Hobby-Forscher, von denen manchmal durchaus vernünftige Impulse kommen. Doch die Reaktion auf Seiten der etablierten Fachwelt war in vielen Fällen die gleiche: „Den ignorieren wir“; „mit dem diskutieren wir nicht“ bis hin zu „Ich gebe kein Interview, wenn in der Sendung auch Herr ... vorkommt“.
Diese Form der Ignoranz sollte der Vergangenheit angehören. Auch der etablierten Wissenschaft sollte klar sein, dass sie sich mit einer solchen Haltung keinen Gefallen tut. Wissenschaftler an deutschen Hochschulen werden von der Öffentlichkeit bezahlt, es gehört deshalb zu ihren ureigenen Aufgaben, ihre Erkenntnisse auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. Und wenn sie Hochstapler wittern, die einen unberechtigt großen Einfluss auf die öffentliche Meinung gewinnen, dann sind sie gut beraten, diese Hochstapler beizeiten zu entlarven – und zwar durch Argumente, nicht durch billige Diffamierungen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten: Die öffentliche Auseinandersetzung ist nur eine Möglichkeit. Eine andere sind konkrete Klarstellungen im Internet. Als positives Beispiel nenne ich den Geophysiker und Klimaforscher Stefan Rahmstorf, der auf seinen Internetseiten (z. B. http://www.pik-potsdam.de/~stefan/klimahysterie.html) Punkt für Punkt auf die Einwände der so genannten „Klimaskeptiker“ eingeht. Rahmstorf ist von manchen Journalisten scharf angegriffen worden, weil er sich schon in Redaktionen beschwert hat, wenn ein Journalist wiederholt (seiner Ansicht nach) falsche Dinge behauptet. Ich halte solche Rückmeldungen für durchaus legitim (solange es nicht allzu penetrant wird) – Journalisten sollten so souverän sein, darin keine „Einschüchterung“ zu sehen (Wissenschaftler haben ja kein Drohpotential), sondern einen Anlass, die eigenen Artikel nochmals kritisch zu prüfen.
Und: Warum sollten seriöse Wissenschaftler nicht abseitige Außenseitermeinungen sogar nutzen, um ihr eigenes Fach populärer zu machen? Im Herbst 2008 schaffte es ein physikalisches Experiment an die Spitze der Schlagzeilen: Der neue Teilchenbeschleuniger (LHC) in Genf. Doch warum interessierten sich die Medien dafür? Weil „Kritiker“ meinten, dass das Experiment den Untergang der Welt bedeuten könnte. Der Astrophysiker Harald Lesch – selbst bekanntermaßen ein Medienprofi – meinte dazu scherzhaft: Er habe sich schon gefragt, ob die Wissenschaftler am CERN nicht selbst die Gerüchte in die Welt gesetzt hätten, wonach durch den neuen Teilchenbeschleuniger LHC gefährlich schwarze Löcher entstehen könnten. Denn: „Für Hadronen-Kollisionen hätte sich niemand interessiert – aber durch die Weltuntergangs-Geschichte wurde es zum Top-Thema.“ Auch hier hat es ein einzelner Chaos-Forscher aus Tübingen geschafft, sich über die Mär vom Weltuntergang medial zu inszenieren. Die Medien wiederum sind ihm vor lauter Professoren-Gläubigkeit auf den Leim gegangen und haben aus einer abwegigen Einzelmeinung eine ominöse Scharf von „Kritikern“ gemacht. (s. dazu http://www.dradio.de/dlf/sendungen/marktundmedien/846529/ ) Die Wissenschaftler am Cern haben sich den Weltuntergangsszenarien zwar offensiv gestellt – aber vielleicht etwas zu spät. Was zeigt: Es gibt Defizite auf beiden Seiten, der institutionalisierten Wissenschaft wie den Medien.
Festzuhalten bleibt:
- Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf eine transparente Auseinandersetzung.
- Der wissenschaftliche Fortschritt lebt von Querdenkern, die auch mal gängige Lehrmeinungen in Frage stellen. Siehe Galileo. Aber nicht jeder Querdenker ist ein Genie.
- Eine geradlinige akademische Laufbahn und eine Habilitation kann ein Anhaltspunkt sein für Glaubwürdigkeit – ist aber allein noch keine Garantie. Umgekehrt ist ein Professorentitel kein zwingendes Erfordernis, um qualifiziert mitreden zu können. (Sonst hätten auch meine Bücher es nicht verdient, gelesen zu werden.) Viele kluge Leute hatten keinen. Selbst Einstein hat als Hobbyforscher angefangen.
- Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, Wahrheit und Unsinn: Mancher Wissenschaftler ist auf bestimmten Gebieten hochkompetent, redet aber jenseits des eigenen Tellerrandes dummes Zeug.
Die Wissenschaft sollte deshalb:
- der öffentlichen Auseinandersetzung auch mit vermeintlich unseriösen Querdenkern nicht aus dem Weg gehen - zumindest nicht, wenn diese bereits eine gewisse Öffentlichkeit erreicht haben (Hörtipp: Das SWR2 Forum am 12. Februar 2009: eine Aufzeichnung einer öffentlichen Diskussion im Naturkundemuseum Stuttgart, wo Prof. Manfred Milinski und Prof. Thomas Junker mit Prof. Joachim Bauer über dessen umstrittene Thesen - “Abschied vom Darwinismus” - diskutierten: Sehr kontrovers, aber immer sachlich und allgemeinverständlich.)
- zumindest im Internet eine Stellungnahme zu den umstrittenen Thesen in verständlicher Sprache zugänglich machen. Es würde auch den Fachjournalisten helfen, ihre nicht so gut informierten Kollegen deutlich zu machen, was von dem immer gern interviewten Prof. Querdenker zu halten ist und vor allem
- dabei auf inhaltliche Argumente setzen, nicht auf Diffamierungen oder Formalien wie „dem geht es nur um …“ „der forscht doch gar nicht auf dem Gebiet“, „es ist in Fachkreisen allgemein bekannt, dass …“. Auch dass jemand „seit Jahren keine einschlägigen Artikel publiziert“ hat – auch das ein häufig gehörtes Totschlag-Argument, besagt ja zunächst lediglich, dass Herr Querdenker selbst keine Daten erhebt; aber es schließt nicht aus, dass er die Publikationen anderer gründlich studiert, vergleicht und zu einem neuen Bild zusammenfügt. So etwas ist wissenschaftlich durchaus legitim und heißt „Synthese“ oder neudeutsch „big picture“. Auch anerkannte Wissenschaftler wie Jared Diamond oder Steven Mithen stellen in ihren populärwissenschaftlichen Bestsellern letztlich keine eigenen Forschungsergebnisse vor, sondern greifen zu über 95% auf Forschungsergebnisse anderer zurück – na, und?
Die Medien wiederum sollten
- verstärkt Formate einrichten, in denen aktuelle wissenschaftliche Diskussionen allgemeinverständlich stattfinden; die Voraussetzungen sind dafür heute besser denn je: schließlich sind heute viele Wissenschaftler willens und in der Lage, verständlich zu sprechen.
- sich die Mühe machen, möglichst noch im Recherchestadium die Argumente der Akteure ernsthaft nachzuvollziehen
- sich nicht von Professorentiteln blenden lassen. Ein besseres Kriterium ist die Frage: Hat Prof. Querdenker seine Erkenntnisse (sofern es sich um empirisch nachprüfbare Zusammenhänge handelt“) in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht?
- prüfen, welche Interessen (abgesehen von ihrer wirklichen Überzeugung) die Akteure haben könnten
- den Werdegang der Akteure unter die Lupe nehmen: Handelt es sich um offene und zur Selbstkritik fähige Leute? Um Funktionäre, die etwas zu verlieren haben? Oder um Selbstdarsteller, die immer wieder die Provokation zum Programm machen und das als lukrative Nische für sich entdeckt haben?
- in Zweifelsfällen bei Fachjournalisten nachfragen oder sich auch bei anderen Wissenschaftlern und Fachverbänden eine Meinung einholen. Leider fehlt aufgrund von Stellenkürzungen den Mitarbeitern in den Redaktionen oft diese Luft zum Recherchieren.
- ihren Instinkt schärfen, welchen Thesen man trauen kann und welchen nicht. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn: Prof. Querdenker aus seiner abwägigen Meinung Kapital schlägt (durch Fernsehauftritte und Buchverkäufe zum Beispiel); sich selbst als enfant terrible oder Opfer des Establishments inszeniert; kritischen Fragen ausweicht. Umgekehrt ist es verdächtig, wenn etablierte Wissenschaftler den umstrittenen Thesen nur mit Allgemeinplätzen und Diffamierungen („der ist so eine Art Däniken“) begegnen, in ihren Entgegnungen lediglich Nebensächlichkeiten aufgreifen oder versuchen, ein Zerrbild ihres Gegners zu zeichnen, indem sie ihm Positionen unterstellen, die dieser in Wirklichkeit nie vertreten hat.
Leider – um auch das offen auszusprechen – scheint es auch Journalisten zu geben, denen das alles egal ist. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass ich einen Kollegen vor bestimmten „Experten“ gewarnt und zur Vorsicht geraten habe und zu hören bekam: „Kann sein, aber der kann gut reden.“
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